Der Ruhestand ist kein Datum. Er ist ein Prozess. Diese Einsicht zieht sich durch viele Antworten der Studie 55+, die im Januar im Rahmen eines ADG Alumni Webinars vorgestellt wurde.
Grundlage der Studie sind 752 Befragte ab 55 Jahren. Im Webinar lag der Fokus auf den Ergebnissen der 190 Alumni der ADG, welche von Malte Ringsdorf, Geschäftsführer von ADG Alumni, vorgestellt worden sind. Rund drei Viertel von ihnen sind noch aktiv tätig – überwiegend als Vorstände oder Führungskräfte.
Die Freitextantworten zeigen, wie präsent das Thema ist. Viele Teilnehmende haben sich ausführlich geäußert, manche sehr persönlich. Der Übergang aus dem Berufsleben ist eine sensible Phase, die vorbereitet werden will.
Nach dem Ruhestand beruflich aktiv bleiben?
Ein relevanter Teil der Befragten kann sich vorstellen, auch nach dem Eintritt in den Ruhestand beruflich aktiv zu bleiben. Dabei geht es weniger um Kontinuität als um Veränderung.
Am häufigsten genannt werden reduzierte Formen der Mitarbeit: ein bis zwei Tage pro Woche, stundenweise Tätigkeiten oder zeitlich begrenzte Projekte. Vollzeitnahe Modelle spielen kaum eine Rolle.
Auffällig ist zudem die Bereitschaft zum Wechsel. Viele derjenigen, die ein Engagement planen, denken nicht an eine Fortsetzung der bisherigen Tätigkeit, sondern an neue Aufgabenfelder. Deutlich weniger möchten im gleichen Beruf bleiben, und nur eine kleine Gruppe im bisherigen Unternehmen.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist klar: Wer sich ein berufliches Engagement nach dem Ruhestand vorstellen kann, sucht eher Flexibilität und Abstand – nicht eine Verlängerung des bisherigen Arbeitslebens.
Was den Übergang belastet
Fragt man nach den größten Herausforderungen beim Übergang aus dem aktiven Berufsleben, steht ein Thema an erster Stelle: die finanzielle Unsicherheit. Fragen nach Rentenabschlägen, Einkommenslücken und der eigenen finanziellen Planung beschäftigen viele der Befragten frühzeitig.
Dahinter folgen weitere Aspekte, die den Übergang prägen: der Verlust von Tagesstruktur, der Wegfall von Verantwortung und Entscheidungsspielräumen, die Sorge, nicht mehr gebraucht zu werden, sowie weniger soziale Kontakte.
Die Ergebnisse zeigen damit ein klares Bild. Finanzielle Klarheit bildet die Grundlage. Erst wenn sie gegeben ist, rücken Fragen von Rolle, Identität und Sinn stärker in den Vordergrund.
Verantwortung abgeben ist mehr als ein Organisationsakt
Viele Freitextantworten drehen sich um einen Punkt: das Loslassen.
Fachlich, so schreiben viele, sei die Übergabe gut lösbar. Menschlich nicht immer. Abschied von Mitarbeitenden. Abschied von Einfluss. Abschied von Anerkennung.
Der Rollenwechsel – vom Entscheider zum Berater – bleibt oft ungeklärt. Wer hier allein gelassen wird, erlebt den Übergang als Bruch.
Vorbereitung wirkt
Die emotionale Vorbereitung auf den Ruhestand wird mehrheitlich als gut oder sehr gut eingeschätzt.
Was dabei hilft:
- frühe Auseinandersetzung mit dem Thema (mehrere Jahre im Voraus)
- konkrete Pläne statt diffuser Vorstellungen
- gleitender Übergang
- klare Regelungen zur Übergabe von Verantwortung
- Aufmerksamkeit für die eigene Gesundheit
Wichtigste Faktoren für einen gelungenen Übergang:
- Gesundheit
- Klarheit über finanzielle Ziele
- Familie und soziale Bindungen
Erwartungen an Unternehmen
Die offenen Antworten lesen sich stellenweise wie ein stiller Appell.
Gewünscht werden:
- frühzeitige Nachfolgeplanung,
- individuelle Gespräche statt Standardmodelle,
- flexible Übergänge – Teilzeit, aktive und passive Altersteilzeit,
- Mentoring-Formate, die Wissen gezielt weitergeben.
Kritik richtet sich weniger gegen fehlende Angebote als gegen starre Umsetzung.
Die Praxis: Gespräche machen den Unterschied
Einen praxisnahen Blick brachte Mike Dell ein – Alumni der ADG und Personalleiter Volksbank Franken eG. In seiner Bank wurde der „Zukunftsdialog 55+“ eingebracht, ein strukturiertes Gesprächs- und Maßnahmenformat für Mitarbeitende ab 55 Jahren.
Seine Erfahrung aus der Praxis: Viele Mitarbeitende setzen sich lange nicht aktiv mit dem Ruhestand auseinander – bis jemand das Gespräch eröffnet.
Offene Fragen wie Was erwarten Sie von Ihrer letzten Berufsphase? wirken oft stärker als formale Programme. Arbeitgeberzuschüsse, flexible Modelle und ein ehrlich ausgesprochenes Dankeschön entfalten gerade im höheren Alter eine hohe Bindungswirkung.
Sein Fazit ist nüchtern und klar: Flexibilität hält mehr Mitarbeitende als klassisches Gesundheitsmanagement.
Einordnung aus der Forschung
Prof. Dr. Erika Regnet (TH Augsburg) ordnete die Ergebnisse in einen arbeitsmarktpolitischen Kontext ein. In vielen Regionen – insbesondere in Bayern – herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Gleichzeitig verabschieden große Unternehmen erfahrene Mitarbeitende frühzeitig in den Vorruhestand.
Diese Entwicklung steht in einem Spannungsverhältnis zu den bestehenden demografischen Herausforderungen. Denn viele erfahrene Beschäftigte wären gesundheitlich und fachlich in der Lage, länger zu arbeiten – sofern Rahmenbedingungen, Arbeitsbelastung und Rollen angepasst werden.
Fazit
Die Studie 55+ zeigt:
- Menschen wollen Verantwortung übergeben, nicht fallen lassen.
- Sie wollen wirksam bleiben – in veränderter Form.
- Und sie erwarten von Unternehmen Klarheit, Gesprächsbereitschaft und Flexibilität.
Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Führung auch dort beginnt, wo sie endet.
Zur Studie 55+
Die Studie 55+ wurde von ADG Alumni initiiert und im Januar im Rahmen eines Alumni-Webinars vorgestellt. Sie basiert auf 752 Befragungen, davon 190 Absolventinnen und Absolventen der ADG Executive Programme. Die Studie ist Teil der Alumni-Arbeit von ADG Alumni und ordnet sich in den Wirkungsbereich Collaboration – Wissen teilen ein. Ziel ist es, Erfahrungen aus Praxis, Forschung und persönlicher Reflexion sichtbar zu machen und für den Austausch im Netzwerk nutzbar zu machen.